Ikarus (Bettina Wegner)

 

            Ikarus

      Lied von der Platte „Sind so kleine Hände“ (1978)

      (Findet man auf YouTube)

      von Bettina Wegner

       

      War voll Liebe und war voll Vertraun
      und Wärme war um ihn und war viel Zeit.
      So konnte er sich große Flügel baun
      und alles in ihm war unendlich weit.

      So war es schließlich möglich, daß er flog
      die Erde ließ er unter sich zurück.
      Bis man die Wärme von ihm nahm und ihn belog,
      da blieb vom Ganzen in ihm nur ein Stück.

      So fiel er nieder, stürzte und zerbrach.
      Wer sagt, er wäre nie geflogen, lügt.
      Man trug ihm die zerbrochnen Flügel nach
      und jeder weiß, dass er nie wieder fliegt.

      So fiel er nieder, stürzte und zerbrach.
      Wer sagt, er wäre nie geflogen, lügt.
      Man trug ihm die zerbrochnen Flügel nach
      und jeder weiß, dass er nie wieder fliegt.

 

 

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14.04.2015

Kommentar:

Für mich drückt das Lied die Entwicklung eines anmutigen Kindes aus, und zwar inklusive Trennung (Scheidung) der Eltern. Der Elternteil, bei dem es sodann weiter lebt (gewöhnlich die Mutter), kann (muß aber nicht) seine negative Version des anderen Elternteils und der Trennung dem Kinde vermitteln, die dann durchaus spiegelbildlich der negativen Version des getrennt lebenden Elternteils entsprechen kann. Das Kind wird in solch einer widersprüchlichen Situation in der Regel nur die eine Version übernehmen (üblicherweise des Elternteils, bei dem es lebt), die natürlich ein großes Stück ‘Lüge’ beinhaltet. D.h. das Kind verdrängt alle Erinnerungen an den anderen Elternteil - und ‘vergißt’ damit auch dessen frühere positive Einflußnahme auf seine Entwicklung. - Bettina Wegner schildert meiner Ansicht nach sehr gut die Folgen, die das für das Kind hat: es verliert seine Anmut und ist - seelisch betrachtet - nur noch ein halber Mensch.

 

Eine entscheidende Frage wäre sodann: Was verstehe ich eigentlich unter einem ‘anmutigen Kind’?

 

Das anmutige Kind

In dem Zeitungsartikel über einen Gießener 68er (gemeint bin ich, von Carolin Muck vom 26.07.2008 im ‚Gießener Anzeiger‘ S.14) heißt es:

<…Zum einen hatte er sich verliebt. Zum anderen veränderte ihn die Begegnung mit einem dreijährigen Mädchen. - Auf einer Reise nach London mit einer Gruppe SDSlern traf er auf die Tochter des Berliner SDS-Sekretärs. „Die Anmut in Person“ war sie, was Aulbach verwunderte. „Denn damals gab es die Vorstellung von Kindern als Bestien, die man bändigen muss.“ Ohne eine strenge Hand machten sie doch nur alles kaputt oder würden zu Verbrechern. Dieses Mädchen aber sei gar nicht zerstörerisch gewesen, sondern kreativ, offen und aufbauend. Die Eltern erzogen es antiautoritär. „Das hat für mich den Beweis geliefert, dass das offenbar ganz anders aussehen kann mit den Kindern“, erinnert sich der 66-Jährige. Er beschloss, den eigenen Nachwuchs auf dieselbe Art zu erziehen. Schon wenige Monate später sollte seine Freundin schwanger sein. (…) „Ich hätte niemals eine so tolle antiautoritäre Erziehung in Deutschland bewerkstelligt.“ Dicke Pampers, Schuhe, das alles habe man in Indien nicht gebraucht. Er habe mit seinem Sohn überall hin gekonnt, das sei völlig normal gewesen und habe niemanden gestört. Im Gegenteil – viele Menschen seien begeistert gewesen. Das erlebten die drei auch in Nepal, wo sie ebenfalls eine Weile gemeinsam verbrachten.>

 

Das anmutige Kind namens „Echo“

Thomas Mann schildert in seinem Buch „Doktor Faustus“ (USA 1943-1947) solch ein anmutiges Kind (ab Seite 611 der Fischer-Ausgabe von 1956). Die Schilderung, die er, als literarischen Trick, von einem etwas betulichen Gymnasialprofessor (Serenus Zeitblom) aufschreiben läßt, beruht allerdings auf realen Gegebenheiten:

<Nepomuk, oder „Nepo“, wie die Seinen ihn riefen, oder „Echo“, wie er, schon seit er zu lallen begonnen hatte, in wunderlicher Verfehlung der Mitlaute sich selber nannte, war sehr schlicht sommerlich und kaum städtisch gekleidet: in ein weiß-baumwollenes Hemdjäckchen mit kurzen Ärmeln, ganz kurze Leinenhöschen und ausgetretene Lederschuhe an den bloßen Füßen. Trotzdem war einem bei seinem Anblick nicht anders, als sähe man ein Elfenprinzchen. Die zierliche Vollendung der kleinen Gestalt mit den schlanken, wohlgeformten Beinchen; der unbeschreibliche Liebreiz des länglich ausladenden, von blondem Haar in unschuldiger Wirrnis bedeckten Köpfchens, dessen Gesichtszüge, so kindlich sie waren, etwas Ausgeprägt-Fertiges und Gültiges hatten, sogar der unsäglich holde und reine, zugleich tiefe und neckische Aufschlag der langbewimperten Augen vom klarsten Blau, - nicht einmal so sehr dies alles war es, was jenen Eindruck von Märchen, von Besuch aus niedlicher Klein- und Feinwelt hervorrief. Hinzu kam das Stehen und Gehaben des Kindes unter dem umringenden, lachenden, sowohl leise Jubelrufe wie Seufzer der Rührung ausstoßenden Großvolk, sein selbstverständlich von Koketterie und Wissen um seinen Zauber nicht ganz freies Lächeln, Antworten und Bedeuten, das etwas lieblich Lehrendes und Botenhaftes hatte, das Silberstimmchen der kleinen Kehle und dieses Stimmchens Rede, die, noch mit kindlichen Fehllauten wie „iß“ und „nißt“ untermischt, den vom Vater ererbten und von der Mutter früh übernommenen, leicht bedächtigen, leicht feierlich schleppenden und bedeutsamen schweizerischen Tonfall, mit Zungen-R und drollig stockender Silbenfolge, wie „stut-zig“ und „schmut-zig“, hatte, und die das Männchen, wie ich es nie bei Kindern gesehen, mit erläuternden, aber, weil sie oft nicht recht dazu paßten, seine Worte eher verwischenden und verfremdenden und dabei höchst anmutigen, vag ausdrucksvollen Gebärden seiner Ärmchen und Spielhändchen begleitete.

Dies, beiläufig, ist Nepo Schneideweins – ist, wie nach seinem Beispiel gleich alle ihn nannten, „Echos“ Beschreibung, so gut das unbeholfen sich annähernde Wort sie dem, der nicht sah, zu geben vermag. Wie viele Schriftsteller vor mir schon mögen die Untauglichkeit der Sprache beseufzt haben, Sichtbarkeit zu erreichen, ein wirklich genaues Bild des Individuellen hervorzubringen! (…) Mehr als durch den Versuch eines Porträts tue ich wahrscheinlich für meinen lieblichen Gegenstand, indem ich bekenne, daß heute, nach vollen siebzehn Jahren, die Tränen mir in die Augen treten beim Gedenken an ihn, welches zugleich mich doch mit einer grundseltsamen, ätherischen, nicht ganz irdischen Heiterkeit erfüllt. (…)

Bei ihrem Fortgang weinte Nepomuk etwas, versprach dann aber, bis sie ihn wieder hole, immer „herzig“ zu sein. Mein Gott, als ob er sein Wort nicht gehalten hätte! Als ob er überhaupt fähig gewesen wäre, es nicht zu halten! Er brachte etwas wie Glückseligkeit, eine beständige heitere und zärtliche Erwärmung der Herzen, nicht nur auf den Hof, sondern bis in das Dorf und bis nach Stadt Waldshut hinein, (…)

Und doch war hier etwas – und jener Elfenspott schien der Ausdruck des Wissens davon –, was einen außerstand setzte, an die Zeit und ihr gemeines Werk, an ihre Macht über diese holde Erscheinung zu glauben, und das war ihre seltsame In-sich-Geschlossenheit, ihre Gültigkeit als Erscheinung des Kindes auf Erden, das Gefühl von Herabgestiegensein (…)

Wirklich habe ich ihn wohl, wenn er sich weh getan, weinen sehen, doch niemals greinen, plärren, brüllen hören, wie Kinder im Zustand der Ungebärdigkeit tun. Es war dergleichen bei ihm ganz undenkbar.>

 

 

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