Last Exit Lindos

Manfred Aulbach

14.04.02

 

Es war ein schöner früher Maimorgen. Kühl und sonnig. Das heißt, ‚kühl’ für die dortigen Verhältnisse! Vielleicht 20 Grad. Wir wanderten die Akropolis hoch. Vielmehr ich zelebrierte jede Stufe dort hinauf. Um 11 Uhr würden die Scharen von Touristen eintreffen (wir waren natürlich selber welche), aber nun waren wir fast allein hier oben. Dieser ehemalig unendlich anmutige griechische Ort in seinem Weiß! Dort die braunen Berge und hier drüben in der blauen Bucht das Grabmal des Kleobolus, zu dem ich einmal in meinen jungen Jahren hinüberschwamm und dort herumkletterte.

 

Wir erreichten das Eselsplateau. Es ist für die armen Esel, die die Touristen jene Treppenstufen hochtragen, die wir gerade bewältigt hatten. Hier ist ein schattiges Rondell mit einem Mäuerchen, von dem man einen feinen Rundblick hat. Dort gegenüber das in die Felswand eingehauene Schiff, daneben das Eisentor als Eingang zu den weiteren Stufen hoch zur eigentlichen Akropolis. Diesen Weg werden die Touristen nicht mehr mit den Eseln getragen. Den müssen sie selber gehen und vorher Eintritt bezahlen.

 

Ein paar vertrocknete Stücke Eselsmist lagen auf dem Boden herum. Sie rochen nur noch andeutungsweise - und  gleichzeitig edel nach einer tieferen Welt. Auf dem Mäuerchen mit Blick auf den Osten nach dem Orient, Palästina, Ägypten, saß eine junge Frau  versunken, sie hatte ein helles weites Kleid an. Als sie sich umdrehte, um uns neugierig zu mustern, hatte sie etwas neugierig-lächelndes an sich, als sie uns selber einzuschätzen versuchte. Ich mit weißem Bart und einem gutgenährten Bauch, meine Frau schon mit etlichen grauen Haaren und ihrem lieben Gesicht. Sie war wohl überrascht, daß so früh morgends auch noch andere Touristen hier hoch kamen. Jedenfalls schien sie selber keine übliche Touristin zu sein, denn sie sprach uns an. „This is surprising. People here so early in the morning“. “Well, we are no ordinary tourists“. „Das kann ich verstehen“ sagte sie, „sind Sie Deutsche?“ sprach sie uns jetzt auf Deutsch an. „Das scheint man ja leicht zu merken“. „Naja, man merkts an Ihrer Aussprache. Aber lassen Sie sich nicht stören, ich wollte sowieso gerade gehen. – Also dann, Servus“. Und sie wallte davon in einem melodiösen Gang. Wir setzten uns hin und suchten in unseren Taschen, auf dem Mäuerchen sitzend, nach unseren Zigaretten. Das war ja eine nette freundliche Begegnung an diesem frühen Morgen! Die Welt öffnete ihre Sonnenseite jetzt von allen Seiten gleichzeitig. Das Panorama war ein Gedicht. Ein älterer Mann entfernte umständlich ein dickes Schloß von dem Eisenportal und räumte in einem Budchen herum, das offenbar die Eintrittskartenverkaufstelle war. Wir erstanden zwei Eintrittskarten und standen schließlich oben bei den berühmten drei lindosischen Säulen, die früher auf allen Tourismus-Plakaten für Griechenland herhalten mussten – und damals offenbar niemand außer mir wusste, wo die eigentlich standen. Wir wanderten auf dem Plateau mit den alten Überresten der Akropolis herum und staunten über all die Pracht der hellenischen Welt: Berge, Meer, dort unten war der alte Hafen. An eine Ode von Pindar musste ich denken, der einmal in uralter Zeit Lindos besungen hatte. Aber langsam wurde es regelrecht heiß. Zeit also, um runter zum Strand zu laufen um noch einen schönen Swim zu machen – einen Gedenk-swim gewissermaßen – bevor sich alles unerträglich füllte unter den bereitstehenden Sonnenschirmen. Die Sonnenschirme standen natürlich dort, wo wir früher unser Feuerchen gemacht hatten abends unterm alleinherrschenden Sternenzelt neben dem Meer und  Lieder zur Gitarre gesungen wurden nach der Art von Bob Dylan, Pete Seeger, Donovan, Joan Baez, während feierlich eine heilige Pfeife im Kreis herumging.

 
 

 

 

   

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